„Eine Behinderung ist nicht das Ende der Fahnenstange“

Interview mit Ursula Kmoch, Vorsitzende der BSG Weiterstadt

In Weiterstadt ist seit vielen Jahren die Behindertensportgemeinschaft BSG Weiterstadt aktiv. Sie hat zurzeit über 300 Mitglieder mit und ohne Behinderung. Mit der Vorsitzenden, Ursula Kmoch haben wir uns über die Aktivitäten und die Menschen, die in der BSG Sport machen, unterhalten.

„1974 wurde die BSG gegründet. Nach dem Krieg waren viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen konfrontiert und von den sportlichen Aktivitäten ausgegrenzt. In Weiterstadt wurde aus diesem Grund versucht, mit der Vereinsgründung zur Integration der Menschen beizutragen“, berichtet die Vereinsvorsitzende. Die BSG spricht Menschen mit und ohne Behinderung an. Ergänzt werden die Angebote des Vereins von weiteren Institutionen im Umkreis, die sich an die Zielgruppe wenden. Die BSG in Weiterstadt ist ein Ein-Spartenverein, nicht alle Sportarten können abgedeckt werden. Ebenso gibt es keine Angebote für behinderte Leistungssportler. Nachfragen werden an den HBRS (Hessischer Behinderten- und Rehabilitationssportverband) weitergeleitet. Schwerpunkt in Weiterstadt ist der Breiten- und Präventionssport sowie REHA-Angebote für den orthopädischen und neurologischen Bereich.“Wir konzentrieren uns darauf, Menschen zum Sport zurückzuführen und die Freude daran zu erhalten. Innerhalb des Vereins sollen Netzwerke entstehen, die die Leute motivieren, sich weiterzuentwickeln“, erklärt Ursula Kmoch die Zielsetzung.

Hilfe im Alltag

Die BSG möchte mit den regelmäßigen Aktivitäten Menschen mit und ohne Behinderung eine Struktur bieten und ihnen dabei helfen, den Sport in ihr Leben einzubinden. In den letzten Monaten war es angesichts der Pandemie für viele schwer, sich in Gruppen zu treffen, Sport zu treiben oder anderen Hobbys nachzugehen. „Viele haben den Wunsch, vernetzt zu sein bzw. mit dem Partner sportlich aktiv zu bleiben.“, sagt Kmoch. Die BSG greift diesen Wunsch mit ihrer Ausrichtung und ihren Angeboten auf.„Die Beweglichkeit von Geist und Körper soll erhalten oder verbessert werden. Etwa in einer Wiedereingliederungsphase aufgrund eines orthopädischen Eingriffs oder einer neurologischen Erkrankung.“

Durch Angebote wie Walking oder Gymnastik im Freien konnte diesem Ziel auch in Zeiten der Pandemie entsprochen werden. Darüber hinaus boten die Trainerinnen und Trainer telefonische Übungseinheiten sowie verschiedene Einheiten als Telesport an. Damit blieben die Sportlerinnen und Sportler aktiv und zusätzlich in Kontakt. Ursula Kmoch kann der Situation der letzten Monate auch etwas Positives abgewinnen: „Aus den Grenzen der Pandemie sind also auch neue Möglichkeiten des Miteinanders erwachsen.“   

Gemischte Gruppen

Das Thema Inklusion ist selbstverständlich auch in der BSG präsent. Aufgrund einer begrenzt zur Verfügung stehenden Anzahl von Übungsleitern sowie der geringen Teilnehmerzahl ist eine Trennung in spezifische Gruppen organisatorisch nicht möglich. „Wir fördern das Thema Umsetzung von Inklusion. Eine Hürde ist bereits, zur Sportstätte zu gelangen. Wir versuchen, die Leute zu motivieren, mit ihren Angehörigen oder Freunden zum Training zu kommen. Wenn schon auf dem Weg zum Sport „Stress“ vorhanden ist, springen die Leute sehr schnell wieder ab“, berichtet Ursula Kmoch. Allgemein entsteht beim Thema Inklusion im Sport bereits eine Win-Win-Situation, wenn etwa eine Begleitperson ebenfalls am Sport teilnimmt. Damit hat der Mensch mit Behinderung keine Schwierigkeiten die Sportstätte zu erreichen und der Begleiter kommt ebenfalls in den Genuss, Sport zu machen. Neben dem Weg und persönlichen Beziehungen geht es natürlich auch um die Nutzbarkeit der Sportstätten durch die Menschen vor Ort. Die BSG beteiligte sich aus diesem Grund auch an der Begehung der Sportstätten in Weiterstadt, die durch den Landkreis und das Projekt ViiAS initiiiert wurde. Hier konnten die Mitglieder des Vereins aus ihrer Sicht der jeweiligen Behinderung weitere Hinweise zur Verbesserung der Barrierefreiheit geben. Eine gelungene Inklusion zeigt sich in der Art der Sportdurchführung. Daraus ergibt sich für die Vorsitzende der BSG eine Schlussfolgerung, die über den Sportbereich hinausgeht:

 „Ich kenne keinen Menschen, der nicht ohne eine Einschränkung lebt. Sei es starke Kurzsichtigkeit, Hörprobleme oder andere Beschwerden. Es ist wichtig, dass man mit offenen Augen durch die Welt geht und akzeptiert, dass sich jeder unterschiedlich in die Gesellschaft und den Sport einbringen kann“, unterstreicht die Vorsitzende.

Das Thema Inklusion trägt im Umfeld des Vereins Früchte und schlägt sich auch in außersportlichen Aktivitäten nieder. „Es gibt eine hohe Hilfsbereitschaft untereinander. Wir sind erstaunt, wie sich das manchmal verselbständigt. Es bestärkt uns in unserem Handeln eigentlich immer, wenn wir sehen, welche Freundschaften entstehen und welche Gruppen sich wieder gebildet haben“, meint Kmoch.

Übungen für alle

Ursula Kmoch ist neben ihrem Vorsitz auch selbst noch Übungsleiterin. Insgesamt hat die BSG acht Übungsleiterinnen und Übungsleiter. „Ich bin stolz darauf, dass uns die Übungsleiter auch die Treue halten. Corona hat uns zurückgeworfen, aber wir haben gegengesteuert. Dazu gehören Telesport und telefonische Angebote“, erklärt sie. Im REHA Bereich ist es nicht möglich, ausschließlich für ein Krankheitsbild ein Angebot zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise entstehen gemischte Gruppen. „Wir empfinden das nicht als Nachteil, dass wir diese verschiedenen Gruppen nicht bilden können. Für Übungsleiter sind homogene Gruppen eindeutig einfacher, denn er kann gezielt Übungen zu einem Thema anleiten. Deshalb ziehe ich den Hut vor unseren Übungsleitern, die es schaffen, trotz dieser Unterschiedlichkeit diese Grätsche zu machen und mit all den unterschiedlichen Einschränkungen von Menschen souverän umzugehen“, erläutert die Vorsitzende. Die Übungen werden den Möglichkeiten angepasst. Einige der Teilnehmenden führen dieselbe Übung auf der Matte durch, andere bleiben auf dem Stuhl. Wichtig dabei ist, dass niemand überfordert wird. Alle können zusätzlich davon profitieren, wenn etwa einer blinden Teilnehmerin die Bewegungsabläufe sehr detailliert erklärt werden. So wird es für alle besser verständlich. In einer gemischten Gruppe können eben alle voneinander lernen. Ursula Kmoch fasst den Effekt des gemeinsamen Sportmachens so zusammen:„Es ist nicht das Ende der Fahnenstange, wenn man eine Behinderung hat.“

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