Zwischen Spaß und sportlichem Anspruch

Interview mit Martin Honcu von der Abteilung für Rollstuhlhandball des Vereins für Sport und Gesundheit Darmstadt (VSG Darmstadt 1949 e.V.)

Ende Januar 2022 ist die Handball-Weltmeisterschaft der Herren in Ungarn und der Slovakei zu Ende gegangen. Aber nicht nur in Budapest und Bratislava wird Handball gespielt, sondern auch in Darmstadt. Wir unterhielten uns mit Martin Honcu von der Rollstuhlhandballabteilung des Vereins für Sport und Gesundheit (VSG)  Darmstadt über den Sport, über das Besondere am Rollstuhlhandball und über ein persönliches Ziel des Sportlers.

Martin Honcu ist 48 Jahre alt. Seit 9 Jahren hat er Multiple Sklerose und ist seit vier Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Als Sportinteressierter stand er also zunächst vor einer Herausforderung. „Als ich nach Darmstadt gezogen bin, habe ich SV Darmstadt 98 angeschrieben, um zu erfahren, welche Angebote sie für Menschen mit Behinderung haben. Das Ergebnis war: Nichts“, erzählt er. Von diesem ersten negativen Ergebnis ließ sich Martin aber nicht entmutigen, sondern suchte im Internet weiter nach Sportangeboten, bis er den Verein für Sport und Gesundheit (VSG) in Darmstadt fand und Rollstuhlhandball für sich entdeckte. Seit 2019 gehört er nun zur Abteilung des Rollstuhlhandballs in der VSG.

Niedrigere Tore

Den Unterschied zwischen regulärem Handball und der Variante im Rollstuhl erklärt Martin Honcu so: „Im regulären Betrieb sind die Tore 2 m hoch. Bei uns 1,70 cm, also 30 cm niedriger. Das ist damit zu erklären, dass, wenn du im Rollstuhl sitzt, du mit den Händen nicht ganz so hochkommst. Das kannst du an jedem Türrahmen ausprobieren.“ Durch die Absenkung der Tore wird dieser Nachteil ausgeglichen.  Ein anderer Unterschied ist das Dribbeln: „Das, was im regulären Handball das Dribbeln ist, ist bei uns das Ziehen am Rad. Dreimal am Rad ziehen, heißt, man muss den Ball abspielen“, erklärt der Handballer. Der Ball liegt meist auf dem Schoß, außer beim Wurf oder beim Anspielen eines anderen. Es wird viel geblockt und manövriert, um dem Gegner auszuweichen. Dabei haben die Sportrollstühle einen Rammschutz, damit die Verletzungsgefahr minimiert wird.

Aus Spaß an der Freude

Martin erzählt, dass es seit letztem Jahr in Deutschland ein Regelwerk für Rollstuhlhandball gibt. „Wir spielen allerdings nicht nach diesen Regeln, weil wir Handball für alle anbieten möchten.“So dürfen die Spieler – nach den Rollstuhlhandballregeln – nicht in den 6-Meter-Raum fahren.„Wir haben das etwas aufgeweicht. Wer nicht so gut werfen kann, der darf da auch mal rein“, verdeutlicht Martin Honcu. Auch Geräte wie ein E-Fix, ein elektrischer Zusatzantrieb für den Rollstuhl,  sind in Darmstadt beim Spielen erlaubt, laut den offiziellen Rollstuhlhandballregeln wären sie eigentlich verboten. „Wir in Darmstadt spielen aus Spaß an der Freude“, betont Martin.

In Deutschland wird im Moment ein Ligabetrieb aufgebaut. Die Darmstädter Rollstuhlhandballer und Handballerinnen werden sich allerdings nicht an dieser Liga beteiligen. Zu groß ist der organisatorische und finanzielle Aufwand. „Wir müssten nach Rostock oder nach Aachen zu den Spielen. Dafür bräuchte jeder einen Sportrollstuhl. Dazu kämen dann auch noch Übernachtungs- und Reisekosten. Das können wir uns im Moment nicht vorstellen“, führt Honcu aus.

Die Rollstuhlhandballabteilung der VSG besteht aus 24 Mitgliedern aus dem Großraum Darmstadt.  Davon treffen sich freitags zwischen 5 und 15 Leute zum Spielen. „Dann machen wir zwei Mannschaften, fünf gegen fünf, zum Beispiel. Meist sind es nicht so viele Leute, so dass niemand auf der Bank sitzen muss.“ Während der ersten Corona-Welle konnte bei der VSG kein Handball gespielt werden. Jetzt sind die Regeln gelockert worden, so dass das Training regelmäßig stattfinden könnte.  „Die Leute sind aber sehr vorsichtig, weil Viele Vorerkrankungen haben. Deshalb gab es dieses Jahr (Stand Februar) leider noch kein Training“, stellt Martin Honcu fest.

Für den Sportler ist das Rollstuhlhandballtraining gleich in mehrerer Hinsicht positiv. Er bewegt sich beim Sport, unterbricht seinen Alltag und trifft Leute, die mittlerweile mehr als nur Handball-Kollegen sind. In der Handballabteilung sind auch Freundschaften entstanden, was sehr wichtig ist. Denn: „Wenn die Leute nicht so mobil sind, ist das Training für manche die einzige Möglichkeit mal rauszukommen.“ Die Isolation, die durch Corona für einige noch größer wurde, versucht die Handballabteilung durch Online-Treffen zu durchbrechen. „Das kann das sich live Treffen natürlich nicht ersetzen und das Spielen schon gar nicht. Aber es ist besser als Nichts“, sagt Honcu.

Zum Abschluss wünscht sich der Handballspieler etwas, was mit seiner sportlichen Entwicklung zu tun hat: „Letztes Jahr habe ich als Einzelspieler bei der 1. deutsch-niederländischen Meisterschaft im Rollstuhlhandball teilgenommen. Das hat viel Spaß gemacht. Da sind die Herausforderungen auf einmal viel höher.“

 Martin Honcu wird mit den heimischen Mitspielern zwar nicht langweilig, aber: „Mein Traum wäre, dass wir das irgendwann mal hinbekommen, Ligabetrieb zu spielen“, meint er zum Abschluss.

 

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