In unserer Rubrik “Interviews rund um die Modellregion” möchten wir inspirierende Persönlichkeiten und spannende Geschichten zu inklusiven Sportangeboten und Initiativen vorstellen. Wenn Sie oder Ihr Verein auch interviewt werden möchte, so sprechen Sie uns gerne an

Sportliche Inklusion von Hessen bis Alaska

Ein Interview mit Katja Lüke vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)

Katja Lüke arbeitet beim DOSB im Bereich Inklusion. Im Interview erzählt sie über ihre sportlichen Aktivitäten der letzten Jahre und über ihre jetzige Tätigkeit. 

In der Vergangenheit hatte unsere Gesprächspartnerin zwei sportliche Schwerpunkte, Handbike und Rollstuhlfechten. Zunächst war sie mit dem Handbike (Handcycle) sportlich aktiv. „Ein Handbike ist so ähnlich wie ein Liegerad. Es wird nur durch die Kraft der Arme angetrieben. Es gibt noch das so genannte Vorspannrad, das auch mit Armkraft angetrieben wird und an den Rollstuhl befestigt werden kann. Aber das Handbike ist ein eigenständiges Gefährt. Damit wird man ziemlich schnell“, erklärt sie die Unterschiede.

Katja Lüke begann ihre sportliche Aktivität mit einem Vorspannbike, kam aber dann relativ schnell zum Handbike.„Ich war bei einem Rennen dabei, bei dem es beide Arten von Rädern gab. Da hat es mich dann relativ schnell gepackt, denn die Handbikes waren schneller und haben mich mehrfach überrundet.“

Während das Handbike das schnellere Rad bei sportlichen Wettkämpfen ist, ist ein Vorspannrad praktischer für den Alltag. „Bei einem Biergartenbesuch kann es vor dem Eingang einfach mal abgekoppelt werden“, berichtet Lüke. Das Handbikefahren brachte sie relativ schnell zu einem ganz besonderen Rennen, nämlich dem Sadler’s Ultra Challenge, dem, nach Angaben der Veranstalter, längsten und härtesten Rennen weltweit. „Ich las davon im Internet und dachte mir, wie bescheuert muss man sein, um in mehreren Tagen über 400 Kilometer zu fahren?  Aber trotzdem informierte ich mich weiter. Im Jahr als ich eigentlich ausschließlich an meiner Diplomarbeit schreiben sollte, meldete ich mich dann an.“

Das Rennen findet im Juli statt und führt über 426 Kilometer durch Alaska. Es wurde 1984 zum ersten mal ausgetragen und dauert 6 Tage. Sportlerinnen und Sportler mit unterschiedlichen Handbikes und Rollstühlen nehmen daran teil. Unsere Interviewpartnerin war eine von ihnen und eine Pionierin: „Ich war die erste europäische Frau, die an dem Rennen teilnahm.“ Katja Lüke fuhr im Vorfeld mehrmals 100 Kilometer pro Woche, um sich auf die Herausforderung im hohen Norden vorzubereiten.

 „Als ich dann ankam, war es zunächst total toll, dass so viele Leute, die Handbike fahren, aus aller Welt dort zusammengekommen sind. Beim Rennen selbst ging es zwar auch um Platzierungen und Schnelligkeit, aber das war nicht das Wichtigste. Es ging auch darum, diese Strecke zu meistern. Die Teilnehmenden haben sich dabei alle unterstützt und so ist ein Gemeinschaftsgefühl entstanden.“ Neben der tollen Atmosphäre  ist das Rennen sportlich höchst anspruchsvoll. Katja Lüke meint dazu: „Auf der Strecke merkte ich erst, was ein richtig langer Anstieg eigentlich bedeutet.“ Die Handbikerin absolvierte das Rennen in Alaska sogar zwei mal. Der Grund: „Es ist einfach so toll, wenn man im Ziel ankommt und sich bewusst wird, dass man es geschafft hat.“

Ein Vorteil für alle

Ein zweiter Schwerpunkt in Katja Lükes sportlichem Engagement war das Fechten mit Degen und Säbel. Sie hatte nach der Diagnose ihrer Querschnittslähmung und der folgenden Rehabilitation verschiedene Sportarten ausprobiert. Über den Rollstuhlbasketball kam sie zum Rollstuhlfechten. Dabei stellte sich heraus, dass es in Kassel, wo sie damals wohnte, einen Fechtmeister gab, der zu der Zeit keine Rollstuhl-Fechterin hatte. „Dann dachte ich, wenn ich schon eine Sportart vor Ort habe und nicht immer 50 Kilometer weit fahren muss, probiere ich das mal aus. So bin ich zum Fechten gekommen.“

Katja Lücke mit einem Degen in den Hand im Rollstuhl sitzend. Auf dem Schoß liegt ein Fechthelm.

Am Fechten faszinierte sie die Planung der verschiedenen Aktionen. Die Sportart lässt sich im übertragenen Sinne mit Schach vergleichen. „Du kannst mir nicht erzählen, dass das alles geplant ist, dachte ich zuerst, als ich diese schnellen Fechtduelle sah. Aber, es ist tatsächlich geplant. Das finde ich total faszinierend.“

Beim Rollstuhlfechten sitzen sich die Gegner in jeweils einem Rollstuhl gegenüber. Die Rollstühle sind am Boden festgemacht und die Bewegung findet nur aus dem Oberkörper heraus statt. Das Vorbeugen und Zurücklehnen bestimmt den Kampf. Dabei ist diese Art des Fechtens durchaus auch interessant für „Fußgänger“, denn bestimmte Techniken können intensiver trainiert werden, wenn sich die Gegner mit den Oberkörpern permanent sehr nahe sind. Katja Lüke meint dazu: „Das Gefecht im Rollstuhl war für die anderen auch gutes Training.“

Das gilt auch und gerade für Fechterinnen und Fechter, die zum Beispiel eine Verletzung haben. Im Stuhl sitzend kann auch ein am Knie Verletzter weiter trainieren. Das Training im Sitzen hat das Potential, für beide Seiten von großem Nutzen zu sein.

Foto von einem Fechtwettkampf. Die Rollstühle sind mit einem Schienensystem am Boden befestigt.

Inklusion im und durch Sport

Katja Lüke arbeitet,  wenn sie sich nicht gerade selbst sportlich betätigt,  für den Deutschen Olympischen Sportbund und ihr Schwerpunkt ist das Thema Inklusion. Auf die Frage nach dem derzeitigen Stand der Inklusionsbemühungen sagt sie: „Da wollen immer alle Zahlen haben. Aber so genau ist das nicht erhoben.“ Ihrem Eindruck nach unterscheidet sich der Grad der Inklusion jedoch von Region zu Region. Vor allem dort, wo sich Menschen für das Thema engagieren, geht es voran.

„Es gibt viele engagierte Menschen. Aber, es gibt auch noch so schwarze Löcher, in denen Menschen mit Behinderungen einfach verloren sind, wenn beispielsweise das Schwimmbad gar nicht da ist oder es nicht barrierefrei ist.“ Die DOSB-Mitarbeiterin stellt aber auch fest, dass es im Sport viel Offenheit gibt. Teilweise haben Sportvereine keine Erfahrung mit dem Thema, sind aber oft durchaus bereit, sich darauf einzulassen. „Das ist für mich die richtige Art von Inklusion. Schwierigkeiten und Herausforderungen im Trainingsalltag anzusprechen und zusammen Lösungen zu finden. Angst vor Überforderungen der Trainer*innen oder der Interessierten an einem Angebot ist zum Beispiel ein Thema, das durchaus mit den Vereinen besprochen werden kann.“

Katja Lüke unterstreicht: „Selbstverständliche, inklusive Sportangebote sind noch nicht der Standard.  Es gibt aber schon viele gute Projekte, Vereine  und engagierte Einzelpersonen.“ Die Inklusion in Sportvereinen ist eine wichtige und wegweisende Entwicklung. Es ist aber auch gut, dass es Angebote ausschließlich für Menschen mit Behinderungen gibt. „Es ist manchmal auch einfach entspannend in der eigenen Gruppe Sport zu machen, das kann auch sehr wertvoll sein“, sagt Lüke zum Abschluss.

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