In unserer Rubrik “Interviews rund um die Modellregion” möchten wir inspirierende Persönlichkeiten und spannende Geschichten zu inklusiven Sportangeboten und Initiativen vorstellen. Wenn Sie oder Ihr Verein auch interviewt werden möchte, so sprechen Sie uns gerne an

Gegen dieses "Opferding"

In Deutschland spielen Menschen seit Jahren Rollstuhltennis. Über diese hierzulande noch nicht so bekannte Sportart, über einen wichtigen Termin an der Bergstraße und über die deutsche Meisterin im Rollstuhltennis sprachen wir mit Ela und Nico Porges.

Im Jahre 1976 entwickelte der Amerikaner Brad Parks das Tennisspielen mit Rollstuhl. Seit 1992 ist Rollstuhltennis paralympisch und seit 1998 ist die Sportart von der internationalen Tennisföderation (ITF) anerkannt. Mittlerweile wird in über 80 Ländern auf allen Kontinenten Rollstuhltennis gespielt. In Deutschland war der Sport lange Jahre nicht sehr bekannt. Aber in den letzten Jahren erhält er mehr Aufmerksamkeit. Mittlerweile gibt es auf nationaler Ebene acht Turniere, die jährlich ausgetragen werden.

Auch in der Region ist der Hessische Tennisverband (HTV) an seiner Weiterentwicklung interessiert. So wurde Nico Porges Referent für Parasport beim Verband. Erste Trainingsangebote entstehen, wie im hessischen Leistungszentrum des HTV. Einmal im Monat wird hier Rollstuhltennis gespielt.  

 Die Sportart ist sehr herausfordernd, denn neben der Kontrolle von Ball und Schläger müssen die Spielerinnen und Spieler auch den Sportrollstuhl im Griff haben, in dem sie sich fortbewegen. Innerhalb der Disziplin gibt es unterschiedliche Einstufungen und eine Regel, die den Sport von der Standardvariante unterscheidet. Beim Rollstuhltennis darf der Ball zweimal aufschlagen, bevor er vom gegnerischen Spieler abgewehrt werden muss. Trotz der technischen Herausforderung ist Rollstuhltennis eine der populärsten Rollstuhlsportarten, denn es kann grundsätzlich auf allen Belägen gespielt werden und die Disziplin läßt sich recht einfach mit der Standardvariante verbinden.

Meisterin in der Jugendkonkurrenz

Ela Porges ist 13 Jahre alt und kommt aus Seeheim. Sie spielt schon seit zehn Jahren Rollstuhltennis und war 2020 deutsche Meisterin in dieser Sportart. Auf die Frage, was ihr am Rollstuhltennis am besten gefällt, meint sie: „Am meisten Spaß macht es mir, die Bälle nicht einfach nur rüber, sondern richtig fest über das Netz zu hauen. Vor allem die Vorhand. Außerdem finde ich es cool, auf den Turnieren die anderen Rollstuhltennisspieler zu treffen. In Seeheim bin ich die einzige Rollstuhlfahrerin und spiele meistens mit meiner Familie.“

Praktisch dabei ist, dass Elas Vater ihr beim Training unter die Arme greifen kann. Nico Porges ist 52 Jahre alt und seit über vierzig Jahren sportlich aktiv im Tennisbund Seeheim. Er trainiert Ela, die eine Querschnittslähmung hat. „Die meiste Zeit spielt sie inklusiv, einfach deshalb, weil sie weit und breit die Einzige ist, die im Rollstuhl sitzt und Tennis spielt. Das überrascht in Seeheim niemanden mehr“, erklärt Porges.

Das Familientraining an der Bergstraße führte zu einem großen Erfolg. Im Oktober 2020 wurde Ela Porges Nachwuchsmeisterin in Leverkusen. Die junge Sportlerin meint zu diesem Sieg: „Zuerst einmal war ich unheimlich froh, dass ich es geschafft hatte. Vor allem, weil John (Anmerkung: John Brendahl war der Finalgegner) drei Matchbälle gehabt hat. Und als ich später Berichte in der Zeitung und im Internet gelesen hatte, war ich auch ganz schön stolz.“

In Deutschland gibt es im Moment acht überregionale Turniere. „Es ist logistisch schwierig, an all diesen Veranstaltungen teilzunehmen“, führt Nico Porges aus.

„Wir sind Tenniswahnsinnige und jede freie Minute verbringen wir auf dem Tennisplatz. Im Falle meiner Tochter lag es auch irgendwie nahe, weil es organisatorisch leicht zu machen ist. Ich brauche einen Platz, drei Bälle und Schläger. Dann kann ich schon anfangen zu spielen“, erklärt Nico Porges die Motivation für das sportliche Engagement.

Dabei spielt die Infrastruktur beim Sportmachen eine große Rolle. Für die Familie Porges ist es wichtig, dass der Tennisplatz am Wohnort ist. Andere Sportarten wie Rollstuhlbasketball wären auch möglich gewesen.  Die Vereine sind allerdings in Wiesbaden oder Frankfurt. Der Weg dort hin ist also mit viel Fahrtzeit verbunden. „Mal eben nach Wiesbaden zu fahren, wenn du nur ein bisschen Sport machen möchtest, das ist doch schon sehr aufwendig“, sagt Nico Porges.

Ein großer Plan

Dieses Jahr sollten die ersten hessischen Rollstuhltennismeisterschaften in Seeheim ausgerichtet werden. Die aktuelle Pandemielage hat den Plan jedoch vereitelt. Vorläufer war ein Rollstuhltennistag mit einem befreundeten Rollstuhltennisverein aus Rheinland-Pfalz, der letztes Jah im August in Seeheim stattfand. Vormittags gab es ein Training für die Spielerinnen und Spieler. Am Nachmittag durften dann auch die Zuschauer den Schläger schwingen. „Es war ein sehr erfolgreicher Tag und wir hatten einen Heidenspaß“, erzählt der Organisator des Treffens.

Nico Porges hat sich nach diesem Auftakt entschlossen, die ersten hessischen Tennisrollstuhlmeisterschaften zu organisieren. Allerdings kam letztes Jahr Corona dazwischen, so dass das Turnier abgesagt werden musste. Er freut sich aber dafür umso mehr auf das Jahr 2022.

„Das Turnier wird 2022 durchgeführt. Das hat auch sein Gutes, denn ich habe in der Vorbereitung viel gelernt und konnte einige Schwierigkeiten schon im Start ausräumen.“

Die Personenanzahl der in Deutschland ausgerichteten Wettkämpfe ist begrenzt. Der Tennistrainer aus Seeheim berichtet, dass es ungefähr 150 Personen gibt, die Rollstuhltennis spielen. Nicht alle sind Wettkampfteilnehmer. Die Veranstaltungen konkurrieren also um eine kleine Zahl von Spielerinnen und Spielern.

„Ich muss also einen Termin finden, um an die Zielgruppe heranzukommen, um den Leuten zu zeigen wie cool das hier in Seeheim ist. „Wir haben Hartplätze, man kann also draußen spielen. Wir haben eine super Bewirtung und das Ganze natürlich an der schönen Bergstraße“.

„An Pfingsten 2022 sollen die ersten hessischen Meisterschaften im Rollstuhltennis stattfinden und es soll ein richtig geiles Event werden! Die Leute sollen es sich in den Kalender schreiben, weil sie es so gut finden“, wünscht sich Trainer und Organisator Nico Porges. 

Die Veranstaltung spricht Menschen aus verschiedenen Sportarten an. Die Betonung liegt nicht auf den Profis, sondern auf dem Breitensport. Deshalb sollen auch Rollstuhlnutzerinnen und Nutzer aus verschiedenen Sportarten angesprochen werden, um das Treffen in Seeheim bekannt zu machen.

„Es geht darum, sich zu treffen, eine gute Zeit mit einander zu haben. Essen, Trinken, Lachen, aber auch Sport zu treiben. Das können natürlich auch Leute aus anderen Disziplinen sein, die das mal ausprobieren möchten“, erklärt Porges seinen Plan.

Technische Grenzen von Inklusion

Im Laufe des Gesprächs weist Porges aber auch darauf hin, dass es Probleme geben kann, wenn Sportler mit und ohne Behinderung mit einander spielen. Etwa bei der Besetzung von Tennisturnieren. Im Jahr werden tausende von Turnieren für Fußgänger organisiert. Es gibt hingegen nur ein Bruchteil von Wettbewerben für Rollstuhlfahrer. Die Folgen beschreibt er so: „Es gab ein Turnier, bei dem meine Tochter mitgespielt hat. Gewinner war ein Fußgänger, der sich in einen Rollstuhl gesetzt hatte. Durch seine Bein- und Bauchmuskulatur war er den Mitspielern mit Behinderung überlegen und gewann immer. Er hatte einen ganz klaren Wettbewerbsvorteil, hat sich in einen Rolli gesetzt und das Turnier gewonnen. Das war dann Inklusion“, bemerkt der Tennistrainer kritisch.

„Auch ein Turnier ohne Fußgänger kann inklusive Aspekte haben, wenn etwa die allgemein genutzte Tennisanlage allen dient, das Turnier Teil des gesamten Turnierbetriebes ist und darüber berichtet wird“, meint Nico Porges. Es gibt Tourniere für verschiedene Zielgruppen.

„Ich habe das Kriterium, ein Turnier für Rollstuhlfahrer anzubieten, genauso wie es auch Turniere für Unter-18-Jährige gibt“, unterstreicht Porges.

Grundsätzlich wünscht sich der Sporttrainer und Vater noch etwas für die Zukunft:

„Ich wünsche mir, dass meine Tochter den Sport weiterhin betreibt. Der Sport ist sensationell, er ist sehr komplex, gibt aber auch unheimlich viel.“

Und Ela? Die wünscht sich: „Es wäre toll, wenn es viel mehr Rollstuhltennisspieler geben würde. Dann könnte ich auch mit denen spielen. Und ich finde es müssten mehr Turniere stattfinden. So wie bei den Fußgängern.“

Zum Schluss hat die Rollstuhltennismeisterin von 2020 einen technischen Wunsch:

„Außerdem hätte ich gern einen schnelleren Rollstuhl. Mit meinem ist es sehr anstrengend zu fahren.“

Rollt.bei dir?

Das Rollt.Magazin ist eine Zeitschrift für Fans und Aktive und gemacht für die Generation Inklusion

Nutzerinnen und Nutzer von Rollstühlen können unterschiedliche Sportarten betreiben. Eine sehr beliebte Möglichkeit ist Basketball. Dieser Sport ist nicht nur spannend, sondern auch ganz schön inklusiv. V i i A S unterhielt sich darüber mit Martin Schenk, der die Rollstuhlbasketball-Zeitschrift „rollt.“ herausgibt.

Fotos: uliphoto.de

Menschen mit körperlichen Einschränkungen kennt Schenk schon seit Mitte der 90er Jahre. Damals arbeitete er als Zivildienstleistender und unterstützte eine Frau mit halbseitiger Lähmung. Ende der Zweitausender Jahre führte er das erste Interview zum Thema Rollstuhlbasketball und gab anlässlich der Europameisterschaft in dieser Disziplin 2013 das erste Magazin zum Thema heraus. „Seitdem verfolgt mich das Thema“, sagt er.

Die Zeitschrift „rollt“ richtet sich sowohl an aktive Spielerinnen und Spieler als auch an Fans des Sports. In Deutschland spielen über 3000 Personen aktiv Rollstuhlbasketball. Die Zeitschrift hat eine Auflage von 1000 Heften und möchte dem Sport und dem Thema Inklusion eine Plattform bieten.

„Rollstuhlbasketball ist die inklusivste Sportart überhaupt“, meint Martin Schenk, „Denn Menschen mit und ohne Behinderung spielen zusammen. Auch Männer und Frauen spielen in den deutschen Ligen gemeinsam. Und das ist das Schöne, unterschiedliche Konstitution werden berücksichtigt, aber es geht dennoch richtig zur Sache.“ Die körperlichen Unterschiede beim Wettkampf werden durch ein Punktesystem ausgeglichen. Jedes Team kommt auf maximal 14,5 Punkte bei der Einschätzung aller Spieler. Heißt: ein Spieler mit wenig Einschränkungen bekommt viele Punkte, ein Spieler mit größeren Einschränkungen weniger. Insgesamt darf die Punktzahl der Mannschaft in Deutschland 14,5 Punkte nicht übersteigen. Auf diese Weise soll eine Vergleichbarkeit der Teams sichergestellt werden. Die Spiele sind wettkampforientiert, berichtet Schenk.

„Klar fragen wir auch mal nach der Geschichte eines Spielers, aber im Vordergrund steht der Sport. Wir fragen also selten, warum jemand im Rollstuhl sitzt, sondern eher, warum hast du nicht gut gespielt?“ Der Anspruch der Sportart ist die Professionalität, auch wenn die Strukturen nicht mit dem bezahlten Fußball verglichen werden können. „Aber im Grunde genommen geht es uns darum. Früher wurde das als Reha-Sport abgetan. Die armen Behinderten sollen sich mal in den Rollstuhl setzen und ein paar Körbe werfen. Aber davon sind wir komplett weg!“

Auf den Punkt gebracht lässt sich auch sagen: „Der Rollstuhl ist ein Sportgerät, genau wie beim Speerwerfen der Speer oder beim Kugelstoßen die Kugel.“

Martin Schenk möchte keine Diskussion darüber führen, was unter den Begriff Inklusion fällt und was nicht. Inklusion ist Normalität. „Mir geht es einfach darum, den verschiedenen Menschen eine Plattform zu geben.“ In der Zeitschrift können sie über ihr Leben und ihre Erfahrungen berichten. Martin Schenk betont jedoch auch:„Wir verstehen uns nicht als Zeigefingerschwenker. Wir sagen nicht, wie sich Leute ausdrücken sollen, das steht mir gar nicht zu, denn ich bin nicht behindert. Die Leute sollen selbst zu Wort kommen und das ist das wichtigste Ziel der Zeitschrift.“

Nach einer Vielzahl geführter Interviews für „Rollt.“ resümiert Schenk:

„Es geht nicht darum, moralisch überlegen daherzukommen, sondern besondere Menschen mit besonderen Geschichten bekannt zu machen.“

Weitere Infos zum Rollt.Magazin erfahrt ihr unter: https://rollt-magazin.de/

Ist Inklusion tanzbar?

Ein Gespräch mit Christa Kreis aus Groß-Umstadt

Christa Kreis ist die städtische Behindertenbeauftragte. Neben dieser Tätigkeit engagiert sie sich seit 15 Jahren in unterschiedlichen sportlichen Disziplinen als Trainerin. Seit drei Jahren leitet sie die Abteilung für Menschen mit Behinderung zusammen mit einem Kollegen. Dabei ist sie u.a. für die Betreuung der Übungsleiterinnen und Übungsleiter zuständig.

In Groß-Umstadt gibt es den Turnverein 1878 Groß-Umstadt mit über 1500 Mitgliedern und 13 Abteilungen. Dazu gehören Handball, Tennis oder Judo. Auch Menschen mit Behinderung https://tv1878.de/behindertensport können sich in unterschiedlichen Disziplinen hier sportlich betätigen. Die Struktur der Abteilung gliedert sich in den Schwerpunkt Rehasport sowie in den Bereich Behindertensport. Das Angebot umfasst drei Sportarten, nämlich Fußball, Gymnastik und Tanzen. „Ich leite die Tanzgruppe und wir sind hier in Groß-Umstadt fest integriert“, berichtet Christa Kreis. So tritt die Gruppe bei verschiedenen lokalen Gelegenheiten öffentlich auf. „Wir sind beim Johannisfest und beim Winzerfest dabei. Darüber hinaus auch auf Weihnachtsfeiern. Im Augenblick ist wegen der schwierigen Lage aber gar nichts los“, fügt die Übungsleiterin hinzu.

Die Abteilung Behindertensport des TV 1878 besteht aus etwa 50 Personen. Zusammen mit dem Reha-Sport sind in diesem Bereich in Groß-Umstadt etwa 300 Menschen sportlich aktiv. Christa Kreis ist in verschiedenen Sportangeboten aktiv. So gründete Sie bereits vor zehn Jahren eine Gruppe Turnen für Kinder mit Behinderung, hat hier aber die Führung mittlerweile abgegeben. „Beim Training habe ich immer auch Schülerinnen dabei gehabt. Eine von ihnen hat jetzt auch den Übungsleiterschein gemacht und das Kinderturnen übernommen.“ Dabei ist die Idee, dass ein Jahr lang weitere Schülerinnen und Schüler die Trainerin begleiten, um die Nachfolge im Training zu sichern. „Die kennen sich unter einander. Wo es passt, kommen sie dann dazu und betreuen mit“, erläutert Christa Kreis ihre Vorgehensweise.

Aus eigener Anschauung

Christa Kreis ist Mutter von fünf Kindern. Eine ihrer Töchter hat eine Behinderung. Im Umgang mit ihr und anderen Kindern mit Behinderung war ihr aufgefallen: „Musik lieben sie alle. Und da hab ich gedacht, na ja, da können wir doch was auf die Beine stellen.“

So gründete Christa Kreis die Abteilung Tanz. Vor Ausbruch der Pandemie trat die Gruppe nicht nur in Groß-Umstadt, sondern auch in anderen Gemeinden, etwa im benachbarten Dieburg auf. Musikalisch orientiert sich die Übungsleiterin an gängigen Genres. „Wir tanzen auf das, was gerade in ist. Das, was die Mitglieder bei der Arbeit im Radio hören, da weiß ich, dass es sitzt.“

Inklusion als Dauerbaustelle

Die Altersspanne der Tanzgruppe reicht von 17 bis 66 Jahren. Die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Wohngruppen in Dieburg oder aus der Einrichtung Heidenmühle. Eine Mischung mit Tänzerinnen und Tänzern aus Groß-Umstadt selbst findet nicht statt. Dasselbe gilt für einen Versuch im Fußball. „Das kam nicht so gut an“, berichtet Christa Kreis. Das Thema Inklusion muss weiter beworben werden, um die Akzeptanz zu erhöhen, was  nicht immer so einfach ist, stellt Kreis fest. „Wir hatten mal ein Fußballturnier mit behinderten und nichtbehinderten Teilnehmern. Allerdings hat sich daraus nichts ergeben. Nach dem Spiel geht jeder wieder in seine Gruppe“, merkt Kreis an. Freundschaften oder dauerhafte Beziehungen sind als Ergebnis selten. Die Aktivität im Sport kann aber als Möglichkeit dienen, Verständnis für einander zu wecken.

Abschließend freut sich Christa Kreis auf ein Leben nach der Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen: „Gern hätten wir unsere Mitglieder in ihren Wohngruppen besucht, um mit ihnen vor Ort Sport zu machen. Aber das war aus Gründen des Pandemieschutzes nicht möglich. Deshalb hoffen wir, dass es bald mal wieder losgeht.“

Interview mit Ernes Kalac, Gründer von Lotus e.V.

Ernes Kalac, dessen Rufname Erko lautet, ist Professor der Sportwissenschaften, erfolgreicher Karateka und Gründer des Vereins Lotus e.V. in Eppertshausen, zudem war er viele Jahre als Integrationsbotschafter für den Deutschen Olympischen Sportbund bundesweit und international aktiv. Im Gespräch mit ViiAS erzählt er über seinen Werdegang, die Entstehungsgeschichte des Vereins und wie Inklusion bei Lotus e.V. konkret aussieht.

„Ich freue mich, dass wir über das Thema Behinderung und Sport sprechen, denn ich glaube, dass Sport eine wirklich gute Möglichkeit ist, Menschen mit einer Behinderung vorwärts zu bringen. Neben dem sozialen Aspekt der Integration und Inklusion geht es mir dabei aber auch um sportliche Leistung.“ Der Vereinsgründer und Trainer hatte selbst schwierige Startbedingungen. Er floh 1998 aus seinem Heimatland Montenegro, um nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden. Nach mehreren Stationen kam er schließlich im Landkreis Darmstadt-Dieburg an, wo er 2002 den Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus e.V. gründete.
„Das Integrationskonzept des Vereins, das ich entworfen habe, basiert auf meinem Leben und meiner eigenen Erfahrung“, legt er dar.

Neben seiner Geschichte als Flüchtling hat der Karateka auch konkrete Erfahrung mit dem Phänomen Behinderung, wie er erzählt. „Als Kind hatte ich einen Unfall und konnte lange Zeit nicht richtig laufen. Als Leistungssportler konnte ich nicht die Leistung bringen, die ich wollte. Aber mit Gottes Hilfe habe ich wieder Laufen und Sportmachen gelernt. Da dachte ich, was ich geschafft habe, können auch andere Menschen mit Behinderung schaffen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass der Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus seine Trainings auch für Menschen mit Behinderung anbietet.“

Aber nicht nur in Eppertshausen machte Kalac Karate für Menschen mit Behinderung bekannt und attraktiv. Auch auf nationaler und internationaler Ebene leitete er die Abteilung für Menschen mit Behinderung beim deutschen Karateverband und schrieb für die World Carate Federation ein Entwicklungskonzept für die Anwendung von und für Menschen mit Behinderung. „Dabei hat es mir sehr geholfen, dass es den Verein Lotus e.V. gab, denn hier konnte ich lernen, wie man Kinder mit Behinderung zum Karate hinführen kann, sie aber auch als Jugendliche weiter für den Sport motiviert“, erläutert Kalac. Im praktischen Training bedeutet dies, dass Kinder oft sehr motiviert sind, ihren Altersgenossen zu helfen, wenn eine Hilfestellung gebraucht wird. Unterschiede nehmen sie nicht war. Die Kinder mit Behinderung haben, so Kalac, keine Sonderrolle, sondern trainieren genauso mit wie die anderen Karatekas.

Ernes Kalac hat durch seine Arbeit viele verschiedene Menschen kennengelernt. Besonders gern trifft er sich jedoch mit Kollegen aus seiner Disziplin. „Ich treffe gern Menschen vom Fach, wie Sven Baum, einen Rolstuhlkarateka. Der war schon zehnmal deutscher Meister. Mit ihm kann ich mich über Themen rund um unseren Sport unterhalten, von ihm kann ich immer etwas Neues lernen.“
Die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist dabei immer wichtig. Der Begriff ist seit Jahren in aller Munde. Was er konkret im Bereich Kampfsport auf Vereinsebene bedeutet, fasst der Karate-Trainer so zusammen,

„Inklusion bedeutet für mich, dass sich die Sportlerinnen und Sportler nur nach der Farbe ihres Gürtels, also nach dem Grad ihrer Leistung im Karate unterscheiden. Der Migrationshintergrund oder eine Behinderung zählen dann nicht. Ich sehe Menschen mit weißen Anzügen und nur die Farbe des Gürtels unterscheidet sie.“

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