„Besser und mehr als der Status quo“

Ein Gespräch mit Ralf-Rainer Klatt zur Modellregion ViiAS

Im Jahr 1988 wurde in Darmstadt ein Projekt ins Leben gerufen, das bis dahin in Deutschland einmalig war. Der Magistrat der Stadt, die Technische Universität Darmstadt, die damals noch selbständige Filiale der AOK und der Sportkreis Darmstadt-Dieburg richteten eine Stelle ein, bei der sich Einzelne, Vereine und andere Organisationen zum Thema Sport erkundigen konnten. So ist es bis heute geblieben.

Wer Fragen zum Thema Bewegung, zu verschiedenen Sportarten und Sportangeboten, zu Aus- und Weiterbildungen im Sport oder zur Durchführung sportlicher Ereignisse hat, kann sich an die Sportberatung wenden. Im Jahre 2003 organisierte die Stelle für die Wissenschaftsstadt Darmstadt gemeinsam mit weiteren Partnern das erste „internationale Festival des Sports“ in der Stadt, zu dem an drei Tagen 250.000 Menschen kamen. Die Sportberatung gab zwischen 1998 und 2003 Broschüren heraus, die fast 2000 Sportangebote in der Stadt auflisteten. Auch wurden in der Sportberatung Ideen aus anderen Städten aufgegriffen und in Darmstadt umgesetzt oder von Darmstadt aus in andere Städte und Gemeinden getragen. Von Anfang an dabei und immer mitten drin: Ralf-Rainer Klatt, den wir zum Projekt ViiAS (Vielfältige innovative inklusive Angebote im Sport) befragt haben.

Sport + Inklusion

Die Modellregion ViiAS, die die Stadt Darmstadt, der Sportkreis sowie der Landkreis Darmstadt-Dieburg am 01. Juli 2020 aus der Taufe hoben, steht also in einer langen Tradition von neuartigen Projekten, an denen Ralf-Rainer Klatt maßgeblich beteiligt war und ist. Im Folgenden sprechen wir mit ihm über seine Arbeit und über das Projekt ViiAS, über seine Motivation und seine Wünsche für die Zukunft.

Die Modellregion ViiAS, die die Stadt Darmstadt, der Sportkreis sowie der Landkreis Darmstadt-Dieburg am 01. Juli 2020 aus der Taufe hoben, steht also in einer langen Tradition von neuartigen Projekten, an denen Ralf-Rainer Klatt maßgeblich beteiligt war und ist. Im Folgenden sprechen wir mit ihm über seine Arbeit und über das Projekt ViiAS, über seine Motivation und seine Wünsche für die Zukunft.

„Zur Sportberatung gehört mit allen Leuten zu besprechen, welche Sportangebote für sie relevant sein können  und Menschen grundsätzlich zum Sporttreiben anzuregen. Aber auch die Organisationen, die ein bestimmtes Angebot machen, müssen sich darauf einstellen, dass sie mit den aktuellen Angeboten vielleicht nicht allen Gruppen gerecht werden. Menschen, die sportlich aktiv sein möchten – und es bislang nicht waren oder sein konnten –  und Vereine, die Sportarten anbieten, zu verbinden, das ist der Grundgedanke von ViiAS“, führt Ralf-Rainer Klatt aus. Menschen mit und ohne Behinderung sollen dabei zusammen kommen und Sport machen können. Das Neue dabei ist, dass gleich fünf verschiedene Stellen zusammenarbeiten:

„Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration und  das Ministerium des Innern und für Sport arbeiten mit der Wissenschaftsstadt Darmstadt und dem Landkreis zusammen. Zusätzlich gibt es den Sportkreis, der Stadt und Landkreis umfasst. Diese Art von Zusammenarbeit ist neu. Ich finde sie faszinierend und glaube, dass sie auch in vielen anderen Bereichen so stattfinden müsste.“

Auf diese Weise können die strukturellen Rahmenbedingungen für eine Ausweitung und Öffnung von Sportangeboten von und für Menschen mit Behinderung geschaffen werden. Auch können unterschiedliche Vereine voneinander lernen und somit erfolgreiche inklusive Angebote weiterverbreiten, führt der Sportberater aus. Der Begriff Inklusion steht beim Projekt ViiAS selbstverständlich im Mittelpunkt. Für Ralf-Rainer Klatt bedeutet er, „die Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit und ohne Einschränkungen ihr Leben mit einander gestalten, ohne dabei Diskriminierungen oder anderen sozialen Beeinträchtigungen ausgesetzt zu sein.“

Ein Beispiel für Inklusion ist für Ralf-Rainer Klatt eine große Veranstaltung in Darmstadt,  nämlich das Sport- und Spielfest, das seit 1969 jedes Jahr durchgeführt wird. Die Veranstaltung im Herrngarten wird von etwa 60 verschiedenen Vereinen an 100 Stationen mit Leben gefüllt. Die Organisatorinnen und Organisatoren haben sich bemüht, gehörlose Menschen in die Veranstaltung einzubinden, mit Erfolg:

„Bei den hörgeschädigten Leuten kam unser Angebot von 2017 gut an. Das führte dazu, dass im Folgejahr schon wesentlich mehr Gehörlose am Sport- und Spielfest teilgenommen haben.“ Neben den Stationen gibt es auf dem Sport- und Spielfest eine Bühne. Hier werden einzelne Disziplinen vorgestellt oder die Leute werden zum Sportmachen aufgefordert. Durch Gebärdensprachdolmetscherinnen und Dolmetscher, durch Videodeskription und Induktionsschleifen konnten auch Menschen mit Hörproblemen bei diesen Angeboten mitmachen. „2018 haben wir das dann noch ausgeweitet. Gebärdensprachdolmetscherinnen und Dolmetscher sind auf Wunsch mit den Leuten auch zu den einzelnen Stationen gegangen und haben gedolmetscht“, erklärt der Sportberater und einer der Hauptverantwortlichen dieser Veranstaltung.

Der Effekt blieb aber nicht nur auf ein Sportereignis beschränkt, sondern hatte auch nachhaltigere Folgen: „Ein Verein konnte“wiederbelebt“ werden, der Angebote für Gehörlose, speziell für Kinder, macht. Die haben damals schon mit etwas angefangen, was ViiAS heute auch voranbringt.“

Ralf-Rainer Klatt, der im September 2021 in den wohlverdienten Ruhestand geht, wünscht sich, dass ViiAS in Zukunft noch mehr in die Breite geht. „Ich hoffe, dass die Ideen von ViiAS von möglichst vielen Menschen aufgegriffen werden. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute entweder aktiv Sport machen oder zuschauen können, die vorher ausgeschlossen waren. Auch hoffe ich, dass die Infrastruktur für Sport verbessert wird, etwa durch Blindenleitsysteme oder durch Zugangsmöglichkeiten für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Als noch amtierender Vizepräsident im Landessportbund wünsche ich mir schließlich, dass ViiAS in die Region Darmstadt-Dieburg hineinstrahlt und irgendwann auch über den Sport hinaus Inklusion befördert. Es wäre toll, wenn das Projekt viele Nachahmer in der Region und darüber hinaus finden könnte.“

Der Sportberater setzt sich auch dafür ein, dass Menschen mit Behinderung vermehrt in Sportvereinen Funktionen übernehmen. „So könnten sie als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren unserer Idee von Inklusion fungieren. Das Gute, was wir hier hoffentlich erreichen, sollte auch Anderen zur Verfügung stehen.“

Persönlich hat Ralf-Rainer Klatt in seiner beruflichen Laufbahn und auch im ViiAS-Projekt viel von Menschen mit Behinderung gelernt. Er unterstreicht deshalb: „Mir ist wichtig, dass Dinge nicht für, sondern mit Menschen mit Behinderung umgesetzt werden. Dabei machen wir natürlich auch Kompromisse. Die Kompromisse sollten aber immer etwas mehr und etwas besser sein als der Status quo“, meint er abschließend.

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