Zusammen über Stock und Stein - ein inklusives Mountainbike-Projekt

Ein Gespräch mit Uli Rosenkranz, Förderschullehrer an der Dahrsbergschule in Seeheim-Jugenheim

Uli Rosenkranz ist Förderschullehrer an der Dahrsbergschule in Seeheim-Jugenheim. Die Dahrsbergschule teilt sich den Campus mit dem Schuldorf Bergstraße. Die beiden Schulen sind also in direkter Nachbarschaft. Darüber hinaus gibt es aber auch andere Berührungspunkte. Wie Uli Rosenkranz seine Leidenschaft fürs Fahrradfahren zur Inklusion nutzt, wie er die Schüler der beiden Schulen zusammenbringt und wie einer von ihnen das Ganze findet, haben wir im Folgenden aufgeschrieben.

„Zunächst hatte ich den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler der Dahrsbergschule und des Schuldorfs Bergstraße nebeneinander lebten und lernten. Etwas Gemeinsames gab es da nicht.“ So begann der passionierte Radfahrer zunächst, das Thema an der Dahrsbergschule populär zu machen. Im Jahr 2011 startete er sein Fahrradprojekt. Eine Spende der Stadt Griesheim kam ihm dabei zur Hilfe. Von dort bekam er gleich zwei LKW-Ladungen mit alten Fahrrädern, die zum Startkapital des Vorhabens wurden: „Ich habe dann mit den Schülern angefangen, diese Schrotträder fitzumachen“, erzählt er. Ergebnis war eine erste Klassenfahrt mit den reparierten Rädern aus zweiter Hand, denn viele Schüler hatten keine eigenen Fahrräder für einen Ausflug. Von diesem Erfolg motiviert, machte Rosenkranz weiter. Durch ein von der Sparkassenstiftung Darmstadt finanziertes Projekt konnte er in den folgenden Jahren vier neue Mountainbikes für die Schule anschaffen. Und seine Bemühungen fanden Anklang bei den Schülerinnen und Schülern an seiner Schule. 

Allerdings sollte das Projekt über die Dahrsbergschule hinausgehen: „Dann wurde schnell klar, dass wir gern eine Zusammenarbeit zwischen der Dahrsbergschule und der benachbarten Regelschule hätten. Damit wollten wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Reibereien zwischen den Schülern aufhörten.“

Auch bei diesem Vorhaben bekam der Projektleiter Unterstützung. Zum einen von der Leiterin des Haupt- und Realschulzweiges des Schuldorfs Bergstraße – Romina Skaar – zum anderen durch eine Kollegin, Pia Weidenbach. Frau Skaar sorgte für ein entsprechendes Stundenkontingent, um das Projekt überhaupt durchführen zu können. Frau Weidenbach schwang sich gleich mit auf ein Mountainbike und leitet seither die Gruppe zusammen mit Uli Rosenkranz.

Während der gemeinsamen Ausflüge mit dem Fahrrad entstanden in der Folge Freundschaften und ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Schülern, was auch mit der Sportart selbst zu tun hat. „Wenn sie sich auf dem Schulhof treffen, gibt es ein High Five. Bei den Fahrten wird auf einander geschaut, die Schüler helfen sich dabei, ein Rad den Berg hochzuschieben oder einen Platten zu flicken. Wer einmal zusammen Rad gefahren ist, sieht sich danach mit anderen Augen“, unterstreicht der Förderschullehrer. Auch das Erleben der Umwelt veränderte sich.  Viele der Schüler haben wenig Kontakt mit der Natur. Unterwegs mit dem Mountainbike steile Abhänge hinunter oder einen Berg hoch, wurde Vielen schnell klar: „Die Natur ist sehr real. Wenn der Lehrer sagt, da ist eine gefährliche Stelle, dann stimmt das einfach. Die Schüler können das dann immer sehr schnell spüren“, erzählt Uli Rosenkranz.

Ian, ein Teilnehmer des Projektes, sieht das ähnlich: „Wir fahren oft an Orte, die ich nicht so gut kenne. Das gefällt mir sehr. Außerdem ist es auch praktisch für meine Orientierung. Da sehe ich auch mal andere Sachen, wie zum Beispiel eine Burg.“ So entwickelt sich das Projekt immer weiter. Rosenkranz hat in der Zwischenzeit drei Klassenfahrten mit den Schülern durchgeführt. Zweimal ging es nach Maria Einsiedel bei Gernsheim und einmal ins Naturschwimmbad nach Lichtenberg im Odenwald. „Ich brauche für die Strecke ins Naturschwimmbad 25 Minuten. Mit den Schülern dauerte das einen ganzen Tag. Das war schon ein Aha-Erlebnis“, meint er.

Manchmal dienen die Fahrradausflüge als Alternative und Zusatz zum Unterricht. Der Lehrer nutzt dann die Pausen, um über Mathematik oder Biologie zu sprechen. „Die Schüler toben sich körperlich auf dem Rad aus. Danach frage ich dann, vor welchem Baum sie gerade stehen oder vermittele andere Inhalte“, berichtet er.

Viele der Schüler kamen durch das Fahrradprojekt zum Sport, manche können Mittlerweile, sagt der Projektleiter schmunzelnd, besser Fahrradfahren als er selbst. Ein Schüler hat es darüber hinaus geschafft, eine Ausbildungsstelle bei einem Fahrradladen in der Region zu bekommen. Beim gemeinsamen Fahren sollen die Unterschiede bei den körperlichen Voraussetzungen zwischen den Schülerinnen und Schülern der Gruppe nicht geleugnet werden, aber: „Allerdings geht es auch nicht um den Wettkampfgedanken beim Fahren. Der steht ganz hinten an“, betont Uli Rosenkranz. 

Im Gegenteil: Die Schüler helfen sich gegenseitig, schwierige Stellen zu passieren. „Man merkt, man ist ein Team. Man kümmert sich um einander, weil man ja gemeinsam ankommen will.“ Uli Rosenkranz hebt hervor, dass es nie vorgekommen ist, dass ein starker Schüler seine Position ausgenutzt und die anderen einfach stehen gelassen hätte. Ganz ohne Wettkampf geht es aber dann doch nicht. Ian findet die Rennen ziemlich gut: „Das Beste, was ich erlebt habe, war ein Rennen über einen steinigen Weg“, sagt der Schüler. Er hat das Rennen übrigens gewonnen.

Auch über die eigene Schule hinaus ist die Mountainbikegruppe mittlerweile aktiv. In Ober-Ramstadt wurde der Landesschulwettbewerb Mountainbike ausgetragen. Daran beteiligte sich auch die Dahrsbergschule. „Ich hatte den Sportlehrer gefragt, ob auch Förderschüler mitmachen würden. Nachdem er verneinte, haben wir das dann angestoßen“, erzählt der Lehrer. So entstand beim landesweiten Wettbewerb eine inklusive Wettkampfklasse. Nach dem Landesentscheid steht der Bundesentscheid in Berlin an. Dabei  wird auch eine inklusive Klasse antreten. Uli Rosenkranz hat sie auf den Weg gebracht.

Zum Abschluss wünscht sich Ian für die Zukunft noch etwas sehr Praktisches: „Gerne hätte ich noch mehr passende Räder für unsere Gruppe.“

Das ViiAS-Team wünscht für die zukünftigen Herausforderungen beim Mountainbike-Projekt weiterhin gute Fahrt!

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