Karate für ALLE: "Nur die Farbe des Gürtels zählt."

Interview mit Ernes Kalac, Gründer von Lotus e.V.

Ernes Kalac, dessen Rufname Erko lautet, ist Professor der Sportwissenschaften, erfolgreicher Karateka und Gründer des Vereins Lotus e.V. in Eppertshausen, zudem war er viele Jahre als Integrationsbotschafter für den Deutschen Olympischen Sportbund bundesweit und international aktiv. Im Gespräch mit ViiAS erzählt er über seinen Werdegang, die Entstehungsgeschichte des Vereins und wie Inklusion bei Lotus e.V. konkret aussieht.

„Ich freue mich, dass wir über das Thema Behinderung und Sport sprechen, denn ich glaube, dass Sport eine wirklich gute Möglichkeit ist, Menschen mit einer Behinderung vorwärts zu bringen. Neben dem sozialen Aspekt der Integration und Inklusion geht es mir dabei aber auch um sportliche Leistung.“ Der Vereinsgründer und Trainer hatte selbst schwierige Startbedingungen. Er floh 1998 aus seinem Heimatland Montenegro, um nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden. Nach mehreren Stationen kam er schließlich im Landkreis Darmstadt-Dieburg an, wo er 2002 den Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus e.V. gründete. 
„Das Integrationskonzept des Vereins, das ich entworfen habe, basiert auf meinem Leben und meiner eigenen Erfahrung“, legt er dar.

Neben seiner Geschichte als Flüchtling hat der Karateka auch konkrete Erfahrung mit dem Phänomen Behinderung, wie er erzählt. „Als Kind hatte ich einen Unfall und konnte lange Zeit nicht richtig laufen. Als Leistungssportler konnte ich nicht die Leistung bringen, die ich wollte. Aber mit Gottes Hilfe habe ich wieder Laufen und Sportmachen gelernt. Da dachte ich, was ich geschafft habe, können auch andere Menschen mit Behinderung schaffen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass der Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus seine Trainings auch für Menschen mit Behinderung anbietet.“

 

Aber nicht nur in Eppertshausen machte Kalac Karate für Menschen mit Behinderung bekannt und attraktiv. Auch auf nationaler und internationaler Ebene leitete er die Abteilung für Menschen mit Behinderung beim deutschen Karateverband und schrieb für die World Carate Federation ein Entwicklungskonzept für die Anwendung von und für Menschen mit Behinderung. „Dabei hat es mir sehr geholfen, dass es den Verein Lotus e.V. gab, denn hier konnte ich lernen, wie man Kinder mit Behinderung zum Karate hinführen kann, sie aber auch als Jugendliche weiter für den Sport motiviert“, erläutert Kalac. Im praktischen Training bedeutet dies, dass Kinder oft sehr motiviert sind, ihren Altersgenossen zu helfen, wenn eine Hilfestellung gebraucht wird. Unterschiede nehmen sie nicht war. Die Kinder mit Behinderung haben, so Kalac, keine Sonderrolle, sondern trainieren genauso mit wie die anderen Karatekas.

Ernes Kalac hat durch seine Arbeit viele verschiedene Menschen kennengelernt. Besonders gern trifft er sich jedoch mit Kollegen aus seiner Disziplin. „Ich treffe gern Menschen vom Fach, wie Sven Baum, einen Rolstuhlkarateka. Der war schon zehnmal deutscher Meister. Mit ihm kann ich mich über Themen rund um unseren Sport unterhalten, von ihm kann ich immer etwas Neues lernen.“ 
Die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist dabei immer wichtig. Der Begriff ist seit Jahren in aller Munde. Was er konkret im Bereich Kampfsport auf Vereinsebene bedeutet, fasst der Karate-Trainer so zusammen,

„Inklusion bedeutet für mich, dass sich die Sportlerinnen und Sportler nur nach der Farbe ihres Gürtels, also nach dem Grad ihrer Leistung im Karate unterscheiden. Der Migrationshintergrund oder eine Behinderung zählen dann nicht. Ich sehe Menschen mit weißen Anzügen und nur die Farbe des Gürtels unterscheidet sie.“

 

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